Eine kurze Bilanz zum „S“ und „G“ in ESG

Ein geschärftes Bewusstsein für Umwelt und Klima sowie das Wissen um die wirtschaftlichen und menschlichen Auswirkungen der Pandemie verändern auch die Ziele von Anlegern. Anstatt sich ausschließlich auf langfristige Renditen zu konzentrieren, achten sie stärker darauf, wo und wie sie ihr Geld anlegen.

Der mit dieser Entwicklung einhergehende Trend zu nachhaltigen oder ESG-orientierten Anlagestrategien ist in aller Munde. Dabei liegt der Fokus oft auf der Umwelt (E) und weniger auf sozialen (S) oder die Unternehmensführung betreffenden (G) Aspekten. Wenn Anleger aber einen fairen Übergang in eine nachhaltigere Welt anstreben, in der weniger Ungleichheit und mehr soziale Gerechtigkeit herrschen, so dürften soziale und Governance-Fragen für sie von ebenso entscheidender Bedeutung sein.

Diese Bestrebungen sind nicht rein altruistisch – denn es gibt wichtige wirtschaftliche Argumente dafür, dass Unternehmen und Investoren auch auf das gesellschaftliche Umfeld und nicht nur auf ihren Profit schauen sollten.

Den Sozialvertrag erneuern
Die Idee, dass die Existenz und das Funktionieren eines Unternehmens von der Akzeptanz der Allgemeinheit abhängen und dass Unternehmen daher einen positiven Beitrag zur Gesellschaft leisten sollten, ist schon über ein Jahrhundert alt. Sie lässt sich bis in die Industrielle Revolution zurückverfolgen, als Großunternehmer wie Andrew Carnegie und John D. Rockefeller erhebliche Summen für religiöse Zwecke und zur Förderung von Bildung und Wissenschaft spendeten.

Heute fasst man unter dem Begriff Corporate Social Responsibility (CSR) alle Möglichkeiten zusammen, die einem Unternehmen offenstehen, um gegenüber sich selbst, seinen Stakeholdern und der Öffentlichkeit sozial verantwortlich zu handeln. Zu diesem Zweck messen und kontrollieren Unternehmen ihre wirtschaftlichen, sozialen und ökologischen Auswirkungen auf die Gesellschaft – was häufig als „Tripple Bottom Line“ bezeichnet wird. Die soziale Verantwortung von Unternehmen geht über gesetzliche und regulatorische Anforderungen hinaus und umfasst Initiativen, die auf die Lösung sozialer und ökologischer Probleme abzielen.

Warum soziale Verantwortung für Unternehmen wichtig ist
Auch wenn sie den Begriff teilweise nicht verwenden und soziale Verantwortung ihnen bewusst nichts sagt, steht diese für viele Verbraucher und Interessengruppen weit oben, wenn sie sich für eine Marke oder ein Unternehmen entscheiden. Untersuchungen deuten darauf hin, dass über 60 Prozent der Verbraucher sich wünschen, dass Unternehmen den sozialen und ökologischen Wandel auch ohne staatlichen Druck vorantreiben1 . Andere Studien haben ergeben, dass 87 Prozent der Verbraucher ein Produkt kaufen, weil die jeweiligen Firmen sich für Themen einsetzen, die ihnen am Herzen liegen, und dass 76 Prozent nicht bei Unternehmen kaufen, wenn diese in Bereiche involviert sind, die ihren Überzeugungen zuwiderlaufen2.

Aber nicht nur Verbrauchern ist soziale Verantwortung wichtig, sondern auch Mitarbeitern. Um Spitzenkräfte an ein Unternehmen zu binden, müssen Firmen ihr soziales und ökologisches Image und ihre Initiativen intensiv überdenken.

In letzter Zeit haben sich insbesondere in folgenden Sparten Konflikte in puncto sozialer Verantwortung ergeben: bei Bergbauunternehmen, die sakrale Stätten der lokalen Bevölkerung nicht respektiert haben, bei Social-Media-Giganten, die im Verdacht stehen, ihre Gewinne über die Sicherheit ihrer Nutzer zu stellen, und bei Modehäusern, die in ausbeuterischen Textilfabriken in Billiglohnländern produzieren lassen. Die Folgen dieser Fehler können weit über negative PR hinausgehen und sich auf die Unternehmensführung und die Bewertungen auswirken.

Soziale Verantwortung aus Anlegerperspektive
Die Übernahme sozialer Verantwortung ist ein ökonomischer Faktor, dem Anleger immer mehr Aufmerksamkeit schenken sollten. Wenn Unternehmen diese Themen nicht angemessen angehen, können sich daraus erhebliche unternehmerische Risiken ergeben, die über Erfolg oder Misserfolg entscheiden.

Auf den Websites zahlreicher Unternehmen findet sich das Stichwort „Corporate Social Responsibility“ zwar als Teil der Unternehmensphilosophie, was aber noch nichts darüber aussagt, was die Firmen tatsächlich in diesem Bereich leisten. Hier kann ein umfassender Due-Diligence-Prozess dazu beitragen, dass Anleger die Spreu vom Weizen trennen können. Außerdem lässt sich damit auch bewerten, ob die Unternehmensleitung sich bewusst ist, dass nicht nur finanzielle Themen eine wichtige Bedeutung für die allgemeine Geschäftsstrategie und die langfristige Resilienz eines Unternehmens haben können.

Ein Unternehmen, das soziale Verantwortung übernimmt, steigert seinen potenziellen Wert für Anleger, da seine finanzielle Performance eher höher und seine Anfälligkeit für Risiken und Volatilität tendenziell geringer ist. Denn sozial verantwortliche Unternehmen richten sich auf langfristige Investitionstrends wie die Energiewende aus und greifen Regierungsinitiativen wie „Building back better“ auf. Außerdem ist es unwahrscheinlicher, dass sie in rufschädigende Skandale verwickelt werden oder Geldstrafen wegen schlechter Unternehmenspraktiken zahlen müssen.

Allerdings gibt es kaum Standards für ein sozial verantwortliches Verhalten von Unternehmen und ebenso wenig für die Bewertung dieses Verhaltens durch Anleger. Meist sind Anleger darauf angewiesen, dass Unternehmen ihre Richtlinien und deren Umsetzung von sich aus transparent machen.

Was die Investmentbranche tun kann
Auch die Investmentbranche kann Unternehmen dazu ermutigen, soziale Verantwortung in ihre Unternehmensstrategien einzubringen. So können etwa entsprechende Ziele in Kreditvereinbarungen integriert werden. Solche nachhaltigkeitsgebundenen Kredite bieten günstigere Konditionen für Unternehmen, die ihre eigenen Nachhaltigkeitsziele erreichen. Ein wichtiges Mittel ist auch der Dialog mit Unternehmen (der gemeinsam häufig mehr Wirkung hat) mit dem Ziel, deren Verhalten zu beeinflussen und Best Practices zu etablieren. Dazu gehören etwa die Festlegung interner Ziele für die Finanzierung erneuerbarer Energien oder für die Diversity der Mitarbeiter und die Sorge um die Weiterbildung von Mitarbeitern, damit sie in einem sich schnell entwickelnden Geschäftsumfeld über die richtigen Qualifikationen verfügen.

Auch die Stimmrechtsvertretung wird zunehmend genutzt, um Initiativen für Nachhaltigkeit und Inklusion voranzutreiben. In der Saison 2021 wurde in den USA mit mindestens 467 Aktionärsanträgen zu Umwelt-, Sozial- und Governance-Themen (ESG) bereits ein neuer Rekord aufgestellt3 . Hier zeigt sich ein grundlegender Wandel im Verhältnis zwischen Unternehmen und Aktionären. Vor nicht allzu langer Zeit stimmten Aktionäre selten gegen Vorschläge von Unternehmen. Heute erwartet man von großen institutionellen Anlegern hingegen zunehmend, dass sie ihr Stimmrecht nutzen, um Veränderungen zu bewirken, so etwa bei der Vergütung und der Ernennung von Aufsichtsräten, aber auch beim Umgang mit ökologischen und sozialen Problemen.

Soziale Verantwortung als wichtiger Bestandteil des Anlageansatzes
Wie viele andere Branchen durchlebt auch die Investmentbranche eine Ära des Wandels. Die Veränderungen sind komplex und basieren auf einer Vielzahl von Faktoren, darunter technologische Innovation, Disruption und ein sich veränderndes regulatorisches Umfeld.

Eine Entwicklung, die möglicherweise überrascht, ist der Trend weg von der Renditemaximierung hin zu anderen, nicht finanziellen Überlegungen – die gerne als ESG-Faktoren zusammengefasst werden. So hat die Sorge um den Klimawandel und die schwindende Artenvielfalt die Aufmerksamkeit der Anleger auf Umweltfragen gelenkt. Bedenken über die wachsende Ungleichheit und nicht zuletzt die Corona-Pandemie haben hingegen die Notwendigkeit, sich mit sozialen Fragen zu befassen, in den Fokus gerückt.

BNP Paribas Asset Management ist stolz darauf, einer der Pioniere bei der Integration von Nachhaltigkeit zu sein. Für uns ist soziale Verantwortung ein zentraler Baustein unserer Anlagephilosophie. Das heißt, wir möchten mehr als nur ehrenamtliche Arbeit vor Ort und Unterstützung durch Spenden leisten (obwohl beides für uns immer noch wichtig ist). Verpflichtungen zu wirtschaftlicher, sozialer, bürgerschaftlicher und ökologischer Verantwortung sind Teil all unserer Geschäftsaktivitäten. So möchten wir gewährleisten, dass Nachhaltigkeitspraktiken umfassend umgesetzt werden.

Indem wir „Corporate Social Responsibility“ in unseren Anlageansatz einbeziehen, zielen wir darauf, jene Unternehmen zu identifizieren und in sie zu investieren, die diese Einstellung teilen. So möchten wir sicherstellen, dass unser nachhaltiges Anlageportfolio den Zielen unserer Kunden entspricht.

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